Erinnern wir uns daran, was wir über die Geburt des Tango wissen; über die Geburt des Tango und über seinen ersten Tod.

Irgendwann, nachdem er zum ersten Mal starb, ist er auch erwachsen geworden in Buenos Aires. Die einsamen Männer, die aussichtslos gestrandet waren, haben Frauen gefunden, und sie hatten Kinder. Es sind Kinder geboren worden und aufgewachsen – Familien entstanden. Das wiederum hat auch den Tango selbst beeinflusst und die Orte und Räume, in denen er lebte. Diese Entwicklung pflanzte sich bis ins Rezent fort. Zuerst war der Tango ein gemeinsamer Ausbruch der verschiedenen Kulturen jener Menschen, die dort in Argentinien zusammengeschweißt wurden zu einer homogenen neuen Kultur. Der Tango diente weiter dazu, die Geschlechter zusammenzuführen. Da waren einerseits die jungen Leute, die Lebenspartner suchten oder nur Spaß haben wollten, aber auch Milongas, auf denen ganze Familien sich mit befreundeten Familien trafen.

So weit ist – wie ich meine – die Entwicklung des Tango in der schönen Musikstadt Wien nun auch erblüht.

Hier begann es vor etwa zwei Dekaden von Jahren. Zu Beginn waren in Wien wenige Leute dem Tango verfallen, nur zwei kleine Gruppen, die meisten kann man noch persönlich auf unseren Milongas kennen lernen. Sie hatten Schwierigkeiten, an gute Informationen zu kommen – von guten Lehrern konnte keine Rede sein. Sie hatten Leidenschaft und Standvermögen und nach einer Weile entwickelten sich mehr oder weniger regelmäßige Milongas aus den unregelmäßigen Treffen. In der Folge enststanden Tangoräume für junge Menschen mit Lounge- oder Club-Charakter, sogar eine lebendige Crossover-Szene, gut etablierte traditionelle Milonguero-Milongas, beinahe private Tango-Ecken, in denen das Licht der Öffentlichkeit nicht so stark scheint, eine aufregende Szene kleiner und immer neuer Milongas mit Lehrer-Paaren oder frischen Lehrern, die kommen und gehen und manchmal auch bleiben.
Eine gute Basis an professionellen und dem Tango zugeneigten Veranstaltern, die wissen wie man eine Milonga organisiert, Live-Musik und gute DJs sind die Säulen. Bei uns kommen gelegentlich weltbekannte Tänzerinnen und Tänzer vorbei um ein bisschen Privatsphäre zu haben. Was die Qualität des Tango selbst und die für den Tango typischen Verhaltensweisen anbelangt, ließ unsere Szene lange Zeit außerhalb der etablierten Milongas noch viel zu hoffen übrig.

Wien – die Stadt der Musik – hat, wie man weiß, seine eigene alte Musik- und Tanz-Kultur. Wir Wiener sind auch sehr stolz auf beides. Jedoch ist der Wiener vor allem wegen der geographischen Lage am Kreuzungspunkt der beiden wichtigsten Verkehrswege Nord-Süd und Ost-West inmitten des Kontinents sowie seiner damit verbundenen Geschichte auf seine schrullige Art durchaus ein Weltbürger, der die Weltsprache des Tanzes – den Argentinischen Tango – sprechen kann und das auch gerne, mittlerweile pro Wochentag an mehreren Orten[1], tut.

Vor einer Weile ist es mir aufgefallen: Man sieht in der Stadt an der schönen blauen Donau schon Familien, also Generationen von Menschen, die zusammengehören, auf Milongas.

Jetzt bin ich sicher! Der Tango ist auch in Wien erwachsen geworden, wie damals in Buenos Aires!

[1] http://tango-vienna.com